Herbsterkenntnis

19. September 2003

Heute ist ein frühherbstlicher Tag. Am Anfang ist der Herbst am schönsten, denn da sind die Farben der Natur am kräftigsten. Es ist auch nicht zu kalt und da am Himmel keine nennenswerten Wolken zu sehen sind, gehe ich davon aus dass sich die Sonne heute nicht verstecken wird. Ein Tag, an dem es zwar nicht sonderlich schwer gefallen ist aufzustehen, an dem man aber trotzdem verträumt mit dem Auto zur Arbeit fährt. Links bunt, rechts bunt, oben bunt und vor mir die Autos fahren auch langsamer als erlaubt. Das ist mir heute sogar recht, ich brauche sowieso Zeit zum Schauen. Am Straßenrand liegen schon einige Blätter. Dann sehe ich wie der Wind von einem Baum vor mir sanft ein Blatt löst und dieses ganz langsam herunter in Richtung Fahrbahn schwebt. Wie ein verspieltes Kind tänzelt es hin und her und wird dabei immer entgegenkommender.

Während des Betrachtens die Fahrgeschwindigkeit des Autos und die Fallgeschwindigkeit des Blattes in die richtige Relation zu setzen, bedarf es nur intuitiver mathematischer Fähigkeiten. So wird aus der Wahrscheinlichkeit eine Wahrheit: Kollision eruiert und fixiert. Ich hupe, doch das Blatt weicht nicht aus. Warum ist die Natur dem Menschen gegenüber so ignorant? Aufgrund der jetzt schon gefährlich wirkenden Nähe wird aus der Wahrheit gewordenen Wahrscheinlichkeit eine Tatsache: Ich werde es passieren lassen. Es wird Bestandteil meines Lebens. Unwidersprochen werde ich das Auftreffen des Blattes auf die Motorhaube – äh nein, mathematische Korrektur aufgrund sinkender Fallgeschwindigkeit: es wird sogar die Wind- und Blattschutzscheibe sein – hinnehmen. Ich riskiere keine Brems-, Ausweich- oder andere Flottemanöver um niemand Unbeteiligten zu beteiligen. Egal was passiert, ich lasse mich doch nicht so einfach aus der Bahn werfen. Ich muss die Tatsache hinnehmen: Der Zufall hat uns auserwählt, mein Auto und mich. Kaum akzeptiert, klebt das Blatt schon an der Scheibe.

Folium iacta est.

Ich fühle mich hilflos, verraten und verkauft. Mir ergeht es schlimmer als dem Siegfried: Er konnte das Blatt, das ihn verwundbar machte und daher seinen Tod bedeutete, ja nicht einmal sehen, weil es an seinem Rücken klebte. Ich hingegen habe bei vollem Bewusstsein den Zufall miterlebt wie er sich zum Schicksal aufspielt, und festgestellt, dass ich dazu ausersehen wurde um … Zum Glück denken meine Reflexe nicht solange nach wie ich, und schon bewegt einer davon meine rechte Hand und setzt den richtigen Hebel in Gang um mich zu befreien: Zu meiner Beruhigung höre ich das sonst eigentlich unliebsame Geräusch jenes Elektromotors der mitunter den Radioempfang stört. Dieses Summen signalisierte mir die Mithilfe meines Autos die Bedrohung umzuvektorisieren, schließlich kann mein Fahrzeug das Blatt auch nicht so einfach auf sich sitzen lassen. Ohne zu überlegen nähert sich das Blattwischer und macht das Blatt platt. Kurz und schmerzvoll. Es folgt ein Strahl der die letzten Reste wegspült.

In dem Bewusstsein, dass entgegen meiner spirituellen Lähmung irgendwie ich der eigentliche Initiator war, lerne ich mein eigenes Verteidigungspotential kennen. Mir kann nichts passieren, ich bin in der Lage mein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Ich bin gefeit vor Bedrohungen jeglicher Art. Was habe ich in der Einleitung erzählt? Ich fahre zur Arbeit? Nein, ich bevorzuge ab jetzt wieder die hierzulande übliche korrektere Formulierung: Ich fahre in die Arbeit. Ich fahre in sie hinein, ich mache sie fertig, ich erledige sie zur vollsten Zufriedenheit. Auch sie wird mir nichts anhaben. Sie kann mich nicht bedrohen, ich weiß zu reflexieren. Ja, mein Selbstschutzmechanismus funktioniert, wenn auch manchmal mit technisch unfairen Mitteln. Nichtsdestotrotz verfüge ich jetzt wieder über klare Sicht und vor allem habe ich wieder den vollen Durchblick.