Der Spiegel

27. August 2008
„Spieglein, Spieglein an der Wand,
sieht man schon was unterm Gwand?“

„Frau Königin, IHR seid die Schlankste im Land!“

Der Spiegel hat wohl etwas gesehen,
gibt ihr aber hiermit zu verstehen,
dass er nur sehen könne, leider,
wenn sie entledigt sich der Kleider
(Ganz nebenbei: Es ist kein Malheur,
solang nur ein Spiegel ist Voyeur).

„Spieglein, Spieglein an der Wand,
sieht man jetzt was, OHNE Gwand?“

„Frau Königin, IHR seid die Schlankste mein,
aber zieht ihr das Baucherl noch so ein,
man merkt, ihr seid nicht mehr allein!“

Der Spiegel tat ganz hin und weg,
von diesem süßen Babyspeck,
und so hat er ihr dann geraten,
sie von nun an täglich zu beraten.
(In Wahrheit liebt er das Geschehen,
Die Königin nackt anzusehen).

Dem König wurde dies zuviel,
denn er hat durchschaut des Spiegels Spiel.
So kam er eilends angerannt,
und schützt den Bauch mit seiner Hand.
Und in seiner wilden Eifersucht,
hat den Spiegel er verflucht:
„Vergiß den Spiegel, denk an Zwerg!
denn er braucht Bauch so dick wie Berg!“

Die Königin hat sich brav ergeben,
und so durfte sie erleben,
wie auf einmal, ganz geschwind,
aus Bauch ward wunderschönes Kind!
Und zu ihrem größten Glück,
bekam sie die Figur zurück.

Dem Spiegel war dies einerlei,
er hatte seinen Spaß dabei!


Kati – Ich war doch damals grad erst Acht!

24. April 2008

Mein Leben das lief wunderbar,
solang nicht diese Sekte war!
Konnte feiern was ich will
und musste sitzen niemals still!

Durfte oft bei meiner Freundin schlafen,
und ungezwungen Comics gaffen.
Kurzum: Genau dies war die heile Welt,
wie sie jedem Kind gefällt!

Plötzlich standen zwei an unserm Tor,
meiner Mutter kam das herzlich vor.
Von Geschichten über Paradiese vor den Türen,
Ließ viel zu leicht sie sich verführen.

Bald wurden die Geschichten schlimmer,
und Vernichtung drang ins Kinderzimmer.
Ich hatte Angst (ich fürchte Qual),
so lief ich mit zum großen Saal!

Es gab nicht viel zum widerstreben,
wenn Mutti sagt: Komm, überleben!
Ich war doch damals grad erst Acht,
drum hab ich arglos mitgemacht!

Heute ist sie eine alte Frau,
sowohl innen als auch außen grau!
Warum hat sie uns das angetan?
Mir, sich selbst und ihrem Mann?

Ließe sie nur von diesen falschen Sachen,
könnte sie vielleicht sogar mal wieder lachen.
So wie sie ist, so war sie nie,
mir tut es ehrlich Leid um sie!

Mein Vater, der hat stets geschwiegen,
keine Stellungnahme rauszukriegen.
Trotz dem er selbst nicht so geworden,
beschützte er mich nicht vor diesen Horden.

Obwohl es ihm fehlte viel an Mute,
so halte ich ihm heute doch zugute,
dass ihn die Sekte genauso überrollte,
und er in Wirklichkeit nur Frieden wollte!

Ich hab schließlich rebelliert, bin rausgeflogen,
und zwar in ziemlich hohem Bogen,
Das war vorerst einmal ein bißchen schmerzlich,
doch jetzt bin ich wieder herzlich!

Führ ein Leben mit viel Sinn,
und geb mich nicht Träumereien hin.
Hab auch Freunde die sind echt,
nach soviel Leid ist das gerecht!

P.S.: Dieses Gedicht basiert auf der wahren Geschichte und den Gefühlen einer Freundin von mir, die allerdings anonym bleiben möchte (Deshalb wurde auch der Name geändert).


Kreativitätstheorie

8. Oktober 2007

Zur Vorwarnung: Achtung dies ist eine wahre Begebenheit, ich habe sie wirklich so erlebt!

Vor einigen Tagen lag ein Wollknäuel ausgerollt auf dem Boden.
Er hat sich aber nicht von selbst entwickelt. Mein Kätzchen hat sich kreativ betätigt, und zwar nach allen Regeln der Evolution. Zuerst erfolgte die Selektion. War es Zufall, dass das Kätzchen genau dieses eine Knäuel isolierte und der Mutation unterzog? Ich wusste zwar genau wie sie es gemacht hat, aber nicht warum. Ich habe mit ihm gehadert und es deshalb mehrmals gefragt: Was ist der Sinn dahinter? Aber es zog es vor, die Macht des göttlichen Schweigens zu nutzen und mich über seine Gründe im Unklaren zu lassen. Vielleicht befürchtete es, ich würde nicht verstehen, dass das, was man als Zerstörung auslegen könnte, in Wahrheit Schöpfung war. Ist ja auch verständlich, da von uns Menschen immer alles als Spieltrieb abgetan wird. Ein zufriedenes Schnurren kann aber nicht die Antwort sein!

Da ich vom ignoranten Kätzchen also niemals eine befriedigende Antwort erwarten konnte, wendete ich mich an den scheinbar hilflos daliegenden Wollknäuel. Zu meinem Erstaunen hatte dieser sofort die passende Erklärung: Ihm war es Leid ständig zusammengekauert im hintersten Eck des Kastens zu verbringen, und so hat er sich einfach des Kätzchens bedient. Er verführte es geschickt mit Mimikry (er war grau mit abstehendem Faden), ließ dabei aber das Kätzchen ständig in dem Glauben, dass es die Fäden in der Pfote hatte, als es den Knäuel geschickt um die Kralle wickelte.

Ich weiß, das ist eine verworrene Geschichte, finde aber, dass der Wollknäuel ein Egoist und selbst schuld an seinem Zustand ist! Vielleicht kommt für den Knäuel aber trotzdem irgendwann noch einmal ein anderer Schöpfer und bringt das ganze wieder in die Ordnung seiner persönlichen und somit universell gültigen Regeln. Dazu muß der Knäuel aber vorher seine Einstellung gründlich überdenken, sonst ist er nicht dem Zufall unterworfen!


Herbsterkenntnis

19. September 2003

Heute ist ein frühherbstlicher Tag. Am Anfang ist der Herbst am schönsten, denn da sind die Farben der Natur am kräftigsten. Es ist auch nicht zu kalt und da am Himmel keine nennenswerten Wolken zu sehen sind, gehe ich davon aus dass sich die Sonne heute nicht verstecken wird. Ein Tag, an dem es zwar nicht sonderlich schwer gefallen ist aufzustehen, an dem man aber trotzdem verträumt mit dem Auto zur Arbeit fährt. Links bunt, rechts bunt, oben bunt und vor mir die Autos fahren auch langsamer als erlaubt. Das ist mir heute sogar recht, ich brauche sowieso Zeit zum Schauen. Am Straßenrand liegen schon einige Blätter. Dann sehe ich wie der Wind von einem Baum vor mir sanft ein Blatt löst und dieses ganz langsam herunter in Richtung Fahrbahn schwebt. Wie ein verspieltes Kind tänzelt es hin und her und wird dabei immer entgegenkommender.

Während des Betrachtens die Fahrgeschwindigkeit des Autos und die Fallgeschwindigkeit des Blattes in die richtige Relation zu setzen, bedarf es nur intuitiver mathematischer Fähigkeiten. So wird aus der Wahrscheinlichkeit eine Wahrheit: Kollision eruiert und fixiert. Ich hupe, doch das Blatt weicht nicht aus. Warum ist die Natur dem Menschen gegenüber so ignorant? Aufgrund der jetzt schon gefährlich wirkenden Nähe wird aus der Wahrheit gewordenen Wahrscheinlichkeit eine Tatsache: Ich werde es passieren lassen. Es wird Bestandteil meines Lebens. Unwidersprochen werde ich das Auftreffen des Blattes auf die Motorhaube – äh nein, mathematische Korrektur aufgrund sinkender Fallgeschwindigkeit: es wird sogar die Wind- und Blattschutzscheibe sein – hinnehmen. Ich riskiere keine Brems-, Ausweich- oder andere Flottemanöver um niemand Unbeteiligten zu beteiligen. Egal was passiert, ich lasse mich doch nicht so einfach aus der Bahn werfen. Ich muss die Tatsache hinnehmen: Der Zufall hat uns auserwählt, mein Auto und mich. Kaum akzeptiert, klebt das Blatt schon an der Scheibe.

Folium iacta est.

Ich fühle mich hilflos, verraten und verkauft. Mir ergeht es schlimmer als dem Siegfried: Er konnte das Blatt, das ihn verwundbar machte und daher seinen Tod bedeutete, ja nicht einmal sehen, weil es an seinem Rücken klebte. Ich hingegen habe bei vollem Bewusstsein den Zufall miterlebt wie er sich zum Schicksal aufspielt, und festgestellt, dass ich dazu ausersehen wurde um … Zum Glück denken meine Reflexe nicht solange nach wie ich, und schon bewegt einer davon meine rechte Hand und setzt den richtigen Hebel in Gang um mich zu befreien: Zu meiner Beruhigung höre ich das sonst eigentlich unliebsame Geräusch jenes Elektromotors der mitunter den Radioempfang stört. Dieses Summen signalisierte mir die Mithilfe meines Autos die Bedrohung umzuvektorisieren, schließlich kann mein Fahrzeug das Blatt auch nicht so einfach auf sich sitzen lassen. Ohne zu überlegen nähert sich das Blattwischer und macht das Blatt platt. Kurz und schmerzvoll. Es folgt ein Strahl der die letzten Reste wegspült.

In dem Bewusstsein, dass entgegen meiner spirituellen Lähmung irgendwie ich der eigentliche Initiator war, lerne ich mein eigenes Verteidigungspotential kennen. Mir kann nichts passieren, ich bin in der Lage mein eigenes Schicksal in die Hand zu nehmen. Ich bin gefeit vor Bedrohungen jeglicher Art. Was habe ich in der Einleitung erzählt? Ich fahre zur Arbeit? Nein, ich bevorzuge ab jetzt wieder die hierzulande übliche korrektere Formulierung: Ich fahre in die Arbeit. Ich fahre in sie hinein, ich mache sie fertig, ich erledige sie zur vollsten Zufriedenheit. Auch sie wird mir nichts anhaben. Sie kann mich nicht bedrohen, ich weiß zu reflexieren. Ja, mein Selbstschutzmechanismus funktioniert, wenn auch manchmal mit technisch unfairen Mitteln. Nichtsdestotrotz verfüge ich jetzt wieder über klare Sicht und vor allem habe ich wieder den vollen Durchblick.